Globally Important Agricultural Heritage Systems

GIAHS: Reisterrassen in der Provinz Ifugao (Philippinen)

Die Globally Important Agricultural Heritage Systems (GIAHS) (deutsch Global wichtige Systeme des landwirtschaftlichen Kulturerbes) sind ein Programm der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Im Französischen und Spanischen ist die Abkürzung SIPAM üblich (Systèmes ingénieux du patrimoine agricole mondial[1] bzw. Sistemas Importantes del Patrimonio Agrícola Mundial[2]).

Das Programm wurde 2002 auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg gegründet.[3]

Die übergeordneten Ziele sind die Identifizierung und der Schutz global wichtiger Systeme des landwirtschaftlichen Kulturerbes sowie der damit verbundenen Landschaften, landwirtschaftlichen Biodiversität und Wissenssysteme.[4]

Durch das langfristig angelegte Programm sollen die globalen, nationalen und lokalen Vorteile dieser Systeme durch deren dynamische Erhaltung (siehe unten), nachhaltige Bewirtschaftung und verbesserte Lebensfähigkeit gesteigert werden.[4]

Dazu sollen die weltweite und nationale Anerkennung der Bedeutung landwirtschaftlicher Kulturerbesysteme gefördert und diese institutionell geschützt werden. Durch die Unterstützung lokaler Erzeugergemeinschaften soll zusätzliches Einkommen generiert und Gütern und Dienstleistungen solcher Systeme auf nachhaltige Weise ein wirtschaftlicher Mehrwert verliehen werden. Dadurch sollen die biologische Vielfalt und das traditionelle Wissen erhalten, die Bodendegradation bekämpft und der Bedrohung durch Globalisierungsprozesse entgegengewirkt werden. Langfristig soll dies den Erhalt der natürlichen Ressourcen fördern, die Anfälligkeit gegenüber dem Klimawandel verringern sowie zur Ernährungssicherheit und Armutsbekämpfung beitragen.[4]

Im Gegensatz zu anderen Institutionen, wie zum Beispiel dem UNESCO-Welterbe-Programm, lehnt das GIAHS eine Weiterentwicklung, Reformierung oder Modernisierung der aufgenommenen Systeme oder Praktiken nicht ab. Vielmehr wird Wert auf eine „dynamische Erhaltung“ gelegt. Das heißt, die Kernelemente sollen erhalten bleiben, während gleichzeitig notwendige Änderungen vorgenommen werden, um das Überleben des Systems zu gewährleisten.[5]

Entgegen dem Namen umfasst die Liste nicht nur Systeme der eigentlichen Landwirtschaft, sondern auch der Forstwirtschaft und der Fischerei sowie der Salzgewinnung. In letzterem Fall, vor der Aufnahme der Salinen von Añana, hatte es Diskussionen gegeben, ob man Salzgewinnung noch als Landwirtschaft ansehen könne oder ob sie nicht eher dem Bergbau zuzuordnen sei. Die FAO kam jedoch zu dem Ergebnis, dass die Salzgewinnung durch Verdunstung in der Sonne viel mehr mit traditioneller landwirtschaftlicher Aktivität zu tun habe als mit Bergbau. Außerdem wurde die Symbiose zwischen den Salinen und ihrer Umgebung gelobt. Die Ausbeutung regle den Salzgehalt der umliegenden Gewässer und damit die Existenz der lokalen Fauna und Flora. Außerdem werden die verwendeten Materialien und Werkzeuge immer aus der unmittelbaren Umgebung bezogen.[5]

2005 erfolgte der erste Eintrag in die Liste. Derzeit (Stand: August 2024) umfasst sie insgesamt 86 Systeme in 26 Ländern; weitere 10 Systeme aus 6 verschiedenen Ländern sind nominiert.[6]

Liste der von den FAO ausgewiesenen GIAHS-Stätten

Land Name Bild Jahr der Aufnahme in die Liste Bemerkung / siehe auch
Agypten Ägypten Dattelanbau in der Oase Siwa 2016
Algerien Algerien Ghout-Oasensystem in El Oued 2011
Andorra Andorra Die subalpinen Weiden von Andorra 2023
Bangladesch Bangladesch Schwimmende Felder in Bangladesch 2015
Brasilien Brasilien Traditionelle Landwirtschaft in der südlichen Serra do Espinhaço, Minas Gerais 2020
Chile Chile Landwirtschaft im Chiloé-Archipel 2011
China Volksrepublik Volksrepublik China Traditioneller ökologischer Anbau von Kastanien in Kuancheng in der Provinz Hebei 2023
China Volksrepublik Volksrepublik China Anbau von weißem Ingwer in Tongling in der Provinz Anhui 2023
China Volksrepublik Volksrepublik China Traditionelles chinesisches Verbundsystem zum Anbau von Myrica rubra in Xianju in der Provinz Zhejiang 2023
China Volksrepublik Volksrepublik China Reisterrassen in den südlichen gebirgigen und hügeligen Gebieten von China 2018
China Volksrepublik Volksrepublik China Reis-Fisch-Kultur in China 2005 Fischzucht im Wasser von Reisfeldern
China Volksrepublik Volksrepublik China Traditioneller Reisanbau in Wannian 2010
China Volksrepublik Volksrepublik China Reisterrassen der Hani am Roten Fluss 2010
China Volksrepublik Volksrepublik China Reis-Fisch-Enten-System der Dong 2011 Gleichzeitige Fisch- und Entenzucht in Reisfeldern
China Volksrepublik Volksrepublik China Traditioneller Anbau von Pu-Erh-Tee im Gebiet von Pu’er 2012
China Volksrepublik Volksrepublik China Ackerbau in den Trockengebieten des Aohan-Banners 2012
China Volksrepublik Volksrepublik China Traditionelle Zucht von Nusseiben im Gebiet von Kuaiji Shan 2013
China Volksrepublik Volksrepublik China Kulturerbe städtischer Landwirtschaft – Weintraubenanbau in Gärten in Xuanhua (Zhangjiakou) 2013
China Volksrepublik Volksrepublik China Jujube-Obstgärten im Kreis Jia 2014
China Volksrepublik Volksrepublik China Ackerbausystem von Xinghua-Duotian 2014
China Volksrepublik Volksrepublik China Produktion von Jasmintee in Fuzhou 2014
China Volksrepublik Volksrepublik China System von Dämmen mit Maulbeerbäumen und Fischteichen in Huzhou 2017 Mit den Blättern der Maulbeerbäume werden Seidenraupen gefüttert, deren Kot dient als Fischfutter und der Schlamm aus den Fischteichen wird zum Düngen der Maulbeerbäume verwendet.[7]
China Volksrepublik Volksrepublik China Verbundsystem aus Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Tierhaltung im Gebiet Têwo/Zhagan 2017
China Volksrepublik Volksrepublik China Traditioneller Anbau von Maulbeerbäumen im alten Flussbett des Gelben Flusses in Xiajin 2018
China Volksrepublik Volksrepublik China Steinerne Terrassen in den Trockengebieten bei She 2022
China Volksrepublik Volksrepublik China Anbau von Tieguanyin-Tee in Anxi 2022
China Volksrepublik Volksrepublik China Nomadenkultur im Grasland im Ar-Horqin-Banner in der Inneren Mongolei 2022
China Volksrepublik Volksrepublik China Kombination von Forstwirtschaft und Pilzanbau im Kreis Qingyuan (Provinz Zhejiang) 2022 Ursprung des Anbaus von Shiitake-Pilzen[8]
Ecuador Ecuador Amazonisches Chacra, ein traditionelles System der Agroforstwirtschaft indigener Gemeinschaften in der Provinz Napo 2023
Ecuador Ecuador Traditionelles Andines Chacra-Landwirtschaftssystem der Kichwa im Gebiet von Cotacachi 2023
Indien Indien Traditionelle Landwirtschaft in Koraput 2012
Indien Indien Landwirtschaft unterhalb des Meeresspiegels in Kuttanad 2013
Iran Iran Traditioneller Walnuss-Anbau in Twiserkan in der Provinz Hamedan 2023
Iran Iran Traditionelle Landwirtschaft mit Bewässerung mittels Qanaten in Kaschan 2014
Iran Iran Safrananbau auf Basis von Qanaten in Gonabad 2018
Iran Iran Produktion von Weintrauben im Tal von Jowzan im Malayer 2018
Iran Iran Vom Regen bewässerte, traditionelle Feigenhaine in Estahban in der Provinz Fars 2023
Italien Italien Olivenhaine an den Hängen zwischen Assisi und Spoleto 2018
Italien Italien Traditionelle Weinberge in der Region Soave 2018
Jammu und Kashmir Traditioneller Anbau von Safran in Kaschmir 2011
Japan Japan Satoyama und Satoumi auf der Noto-Halbinsel 2011 Die Halbinsel Noto besteht aus einem ein Mosaik kleinerer Sozioökologischer Systeme. Diejenigen an Land, die landwirtschaftlich genutzte Flächen, Grasland, Sekundärwälder, Teiche und Kanäle umfassen, werden als Satoyama bezeichnet, diejenigen an der Küste (felsige Uferbereiche, Wattflächen und Seetang-/Seegraswiesen) als Satoumi.[9]
Japan Japan Satoyama in Harmonie mit dem Nipponibis auf der Insel Sado 2011 siehe oben
Japan Japan Traditionelle Verbindung von Grasland und Teeanbau in der Präfektur Shizuoka 2013 jap. Chagusaba „semi-natürliches Grasland“
Japan Japan Nutzung des Graslands bei Aso für nachhaltige Landwirtschaft 2013
Japan Japan Integration von Forstwirtschaft, Ackerbau und Fischerei bei Usa auf der Kunisaki-Halbinsel 2013 u. a. Kultivierung von Shiitake-Pilzen auf dem Holz von Japanischen Kastanien-Eichen
Japan Japan Ayu-Fischerei im Flusssystem des Nagara 2015 verschiedene Methoden, u. a. Kormoranfischerei
Japan Japan Anbau von Ume im Gebiet von Minabe und Tanabe 2015
Japan Japan Ackerbau und Forstwirtschaft in der gebirgigen Gegend zwischen Takachiho-chō und Shiiba (Präfektur Miyazaki) 2015
Japan Japan Wassermanagementsystem für nachhaltige Landwirtschaft auf Reisfeldern in Osaki Kôdo bei Ōsaki (Miyagi) 2017 Osaki Kōdo ist die örtliche Bezeichnung für das fruchtbare Ackerland der Region.[10]
Japan Japan Landwirtschaft an den Steilhängen von Nishi-Awa (Präfektur Tokushima) 2018 Nishi-Awa ist ein bergiges Gebiet im Westen von Tokushima. An den bis zu 40 Grad steilen Hängen werden unter anderem Buchweizen und Knollenfrüchte angebaut. Dafür wurden keine Terrassenfelder angelegt, sondern der Boden der Felder wird mit Hilfe von Kaya (dt. Gras zum Verlegen, eine Art Heu) vor dem Abrutschen geschützt. Diese 400 Jahre alte Ackerbaumethode war der erste japanische Eintrag in die IAHS-Liste.[11]
Japan Japan Traditioneller Wasabi-Anbau in Shizuoka 2018
Japan Japan Integriertes See-Land-System am Biwa-See 2022 Am Biwa-See nutzen die Fische die vom Menschen angelegten Reisfelder als geschützte Laich- und Brutgebiete. Im Gegensatz zur klassischen Fischzucht in Reisfeldern suchen die Fische des Sees die Felder hier selbstständig auf. Die Fischer haben in mehr als 1000 Jahren spezielle, an die örtlichen Gegebenheiten angepasste nachhaltige Fischereimethoden entwickelt. Dazu zählt die Verwendung von Eri genannten Stellnetzen.[12]
Japan Japan Obstanbau in der Region Kyoutou (Präfektur Yamanashi) 2022
Japan Japan Integriertes Landwirtschaftssystem zur Harmonisierung von Mensch und Vieh im Landkreis Mikata 2023
Japan Japan Agroforstwirtschaftliches System mit der Kompostierung von abgefallenem Laub im Hochland von Musashino im stadtnahen Gebiet von Tokio 2023
Kenia Kenia Traditioneller Pastoralismus der Massai im Gebiet bei Oldonyonokie und Olkeri 2011
Marokko Marokko Die Ksar von Figuig: Oasen- und Pastoralismus-Kultur rund um die gemeinschaftliche Bewirtschaftung von Wasser und Land 2022
Marokko Marokko Argan-basiertes Agro-Silvopastorales System im Gebiet von Ait Souab und Ait Mansour 2018
Marokko Marokko Oasensystem im Atlasgebirge 2011
Mexiko Mexiko Chinampa-System 2018
Mexiko Mexiko Ich Kool: Maya-Milpa auf der Halbinsel Yucatán 2022
Osterreich Österreich Traditionelle Heumilchwirtschaft in den österreichischen Alpen 2023
Peru Peru Ackerbau in den Anden 2011
Philippinen Philippinen Reisterrassen in der Provinz Ifugao 2011
Portugal Portugal Silvopastorales System in Barroso 2018
Spanien Spanien Alte Olivenbäume im Gebiet Sénia 2018
Spanien Spanien Produktion von Malaga-Rosinen in der Region Axarquía 2017
Spanien Spanien Salzgewinnung in Añana 2017 In einen unterirdischen Salz-Diapir wird Wasser eingeleitet, das am höchsten Punkt des Tales als Sole zu Tage tritt, und über ein System hölzerner Rinnen verteilt wird. In flachen Salinenbecken verdunstet das Wasser durch Sonneneinstrahlung, während das Salz zurückbleibt.[13]
Spanien Spanien Historisches Bewässerungssystem in L'Horta de València 2019
Spanien Spanien Agro-Silvopastorales System in der Provinz León 2022
Sri Lanka Sri Lanka System von kaskadierenden Wasserreservoirs und Dörfern in der Trockenzone von Sri Lanka 2017
Korea Sud Südkorea Haenyo-Fischerei auf Jejudo 2023
Korea Sud Südkorea Fischerei auf Körbchenmuscheln mit Handnetzen (Sonteul) im Seomjin-Fluss 2023
Korea Sud Südkorea Feldanbau von Bambus in Damyang 2020
Korea Sud Südkorea Traditioneller Ginseng-Anbau in Geumsan 2018
Korea Sud Südkorea Batdam-Feldersystem auf Jejudo 2014
Korea Sud Südkorea Mit Hilfe von Gudeuljang bewässerte Terrassenfelder zum Reisanbau auf der Insel Daeheuksando 2014 Gudeuljangnon sind unterirdische Kanäle, die aus aufeinandergestapelten Steinen gebaut wurden und der Be- und Entwässerung dienen.[14]
Korea Sud Südkorea Traditioneller Teeanbau in Hwagae-myeon im Landkreis Hadong 2017
Tansania Tansania Traditioneller Pastoralismus der Massai im Gebiet bei dem Dorf Engaresero 2011
Tansania Tansania Kihamba-Agroforstwirtschaft der Chagga bei dem Dorf Shimbwe Juu 2011
Thailand Thailand Weidehaltung von Wasserbüffeln im Feuchtgebiet Thale Noi 2022
Tunesien Tunesien Oase von Gafsa 2011
Tunesien Tunesien Hängende Gärten von Djebba El Olia 2020 am Mount el Gorrâa
Tunesien Tunesien Ramli-Landwirtschaftssystem in den Lagunen von Ghar el-Melh 2020
Vereinigte Arabische Emirate Vereinigte Arabische Emirate Historischer Anbau von Dattelpalmen in der Oase von al-Ain und der Liwa-Oase 2015
Commons: Globally Important Agricultural Heritage Systems – Sammlung von Bildern
  • Offizielle Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO
  • Liste der von der FAO ausgewiesenen GIAHS-Stätten
  • Fotos von GIAHS-Stätten

Einzelnachweise

  1. SIPAM Systèmes ingénieux du patrimoine agricole mondial auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 15. Juni 2024
  2. SIPAM Sistemas Importantes del Patrimonio Agrícola Mundial auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 15. Juni 2024
  3. Chronology of Development of the GIAHS Programme auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 15. Juni 2024
  4. a b c Goal and objectives auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 15. Juni 2024
  5. a b Estos dos lugares de España son tesoros de la agricultura auf elpais.com, 10. Februar 2018
  6. Agricultural heritage around the world auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 15. Juni 2024
  7. Zhejiang Huzhou Mulberry-dyke & Fish-pond System, China auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 28. Juli 2024
  8. Qingyuan Forest-Mushroom Co-culture System in Zhejiang Province, China auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 28. Juli 2024
  9. Noto's Satoyama and Satoumi, Japan auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 14. April 2024
  10. Osaki Kôdo's Traditional Water Management System for Sustainable Paddy Agriculture, Japan auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 14. April 2024
  11. Steep Slope Land Agriculture System in Nishi-Awa auf der Webpräsenz der Präfektur Tokushima, abgerufen am 28. Juli 2024
  12. Biwa Lake to land integrated system, Japan auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 28. Juli 2024
  13. The Agricultural System of Valle Salado de Añana, Spain auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 30. Juli 2024
  14. Traditional Gudeuljang Irrigated Rice Terraces in Cheongsando, Republic of Korea auf der Webpräsenz des GIAHS-Programms der FAO, abgerufen am 14. April 2024